Was Ingenieurwissensgraphen ausdruecken muessen

Kontext: MIN v1.1.0 — Grundontologie fuer Ingenieure.

Ingenieurwissensgraphen stehen vor einer besonderen Herausforderung: sie muessen nicht nur abbilden, was existiert und was geschieht, sondern auch, was bestimmt, was geglaubt wird und was unsicher ist. MIN adressiert das ueber sieben Achsen.


Achse 1: Materialitaet — was existiert physisch?

Frage MIN-Konstrukt
Was ist physisch da? Object
Was geschieht / wurde getan? Process
Welche Daten liegen vor? Data
Was entsteht nur zwischen Partnern? Boundary

Ein Zugversuch hat Probe (Object), Pruefvorgang (Process), Messdaten (Data), und Kontaktreibung Probe/Einspannung (Boundary). Alle vier sind kausal wirksam — sie bewirken etwas in der Welt.

Zentrale Relationen: - hasInput / hasOutput — was geht rein, was kommt raus - hasComponent — mereologische Zusammensetzung - generates / generatedBy — Prozess erzeugt Daten - describes / describedBy — Daten beschreiben Nexus - bounds / hasBoundary — Grenze zwischen Partnern


Achse 2: Formalitaet — was bestimmt, ohne zu wirken?

Frage MIN-Konstrukt
Welches Naturgesetz gilt? Lex
Welches formale Modell beschreibt es? Structura
Was koennte passieren? Possibile
Welche Anforderung muss erfuellt sein? Norma
Was wird kollektiv anerkannt (Sorte, Norm, Typ)? Institutio
Was wird fuer wahr gehalten? Epistemicum

Ein Werkstoffingenieur braucht alle sechs: Hooke'sches Gesetz (Lex), Johnson-Cook-Modell (Structura), Ermuedungsriss-Szenario (Possibile), Rm >= 270 MPa (Norma), DC04-Stahlsorte (Institutio), und "Hooke gilt hier bis 200 MPa" als bewertete Hypothese (Epistemicum).

Zentrales Prinzip: Forma bewirkt nichts — aber ohne Forma waere jede Wirkung anders. Forma ist die Grammatik, Nexus sind die Saetze.

Zentrale Relationen: - governs — Lex bestimmt Process - formalizes — Structura bestimmt Nexus - evaluates — Norma bewertet Nexus - concerns / alternativeTo — Possibile bezieht sich auf Nexus - typifies — Institutio bestimmt, als was ein Nexus zaehlt - comprises — Institutio buendelt atomare Forma-Instanzen


Achse 3: Agency — wer handelt?

Frage MIN-Konstrukt
Wer fuehrt aus? Agent ∩ Object (Mensch, Maschine)
Welche Software entscheidet? Agent ∩ Data (ML-Modell)
Welche Organisation verantwortet? Agent ∩ Institutio

Nicht nur Menschen. Eine CNC-Maschine, ein ML-Modell, ein Normungsgremium — alle handeln selektiv. Agent ist eine Querkategorie unter Entity, keine Unterkategorie von Nexus. Co-Typisierung ist Pflicht.

Zentrale Relationen: - performs / controls — Agent fuehrt Prozess durch - actsOn — Agent wirkt auf Object (abgeleitet ueber Property Chain) - owns — Eigentumsverhaeltnis / Verantwortung - constitutes / recognizes — Agent gruendet / anerkennt Institution


Achse 4: Kausalitaet — wie haengt es zusammen?

Innerhalb der Welt (Nexus ↔ Nexus)

  • Was geht rein, was kommt raus? → hasInput / hasOutput
  • Wer fuehrt den Prozess durch? → performs / controls
  • Woraus besteht es? → hasComponent

Zwischen Welt und Bestimmung (Nexus ↔ Forma)

Drei generische Brueckenrelationen bilden den Forma-Lebenszyklus:

Relation Richtung Semantik
originates Nexus → Forma Nexus bringt NEUES Formales hervor
realizes Nexus → Forma Nexus macht BESTEHENDES Formales wirklich
constrains Forma → Nexus Forma schraenkt ein, was Nexus sein oder tun kann

Dazu die Kodierungsbruecke:

Relation Richtung Semantik
encodes Data → Forma Data traegt formalen Inhalt (DIN-Dokument kodiert Norma)

Zentrale Unterscheidung: - realizes veraendert die Welt (ontologisch). - confirms veraendert das Wissen (epistemisch).


Achse 5: Epistemik — was wissen wir, und wie sicher?

Frage Wie MIN es ausdrueckt
Wer glaubt es? heldBy Agent (oder agent-frei)
Worueber? about Entity
Wie sicher? hasConfidence [0..1] + hasConfidenceType
Welcher Status? hasEpistemicStatus (5 Werte)
Worauf gestuetzt? supportedBy / underminedBy Nexus
Was galt vorher? supersedes (Forma → Forma)

Das ist der Kern, den Ingenieurwissensgraphen vor MIN v1.1.0 typischerweise nicht konnten: den Unterschied zwischen "42% Recyclatanteil" und "42% Recyclatanteil, statistisch bestaetigt mit Konfidenz 0.92 gestuetzt durch XRF-Messdaten" formalisieren.

Zwei komplementaere Muster

Muster Traeger Semantik Seit
Poppersch Process Process bestaetigt/widerlegt Forma v1.0.0
Evidenzbasiert Epistemicum Haltung gestuetzt/geschwaecht durch Nexus v1.1.0

Beide werden gebraucht. Das Poppersche Muster ist kompakt fuer einfache Aussagen ("der Zugversuch bestaetigt das Hooke'sche Gesetz"). Das evidenzbasierte Muster wird gebraucht, wenn sich der epistemische Zustand ueber die Zeit aendert, Konfidenz typisiert werden muss, oder mehrere Agenten widerspruechliche Haltungen vertreten.


Achse 6: Unsicherheit — was wissen wir nicht?

Frage MIN-Konstrukt
Quantifizierbares Risiko? Possibile + isQuantifiable = true
Tiefe / Knightsche Unsicherheit? Possibile + isQuantifiable = false
Fehlende Evidenz? Epistemicum ohne supportedBy
Dissens? Zwei Epistemicum, selbes about, verschiedene Agents, verschiedener Status

Known Unknowns: "Bauteilversagen mit 2% Wahrscheinlichkeit." Normales Risiko, eine Verteilung ist zuweisbar.

Unknown Unknowns: "Klimawandel-Auswirkungen auf Lieferkette." Keine Verteilung zuweisbar. Das ist kein Bug, sondern eine bewusste Aussage.


Achse 7: Provenienz — woher stammt die Information?

Frage MIN-Konstrukt
Wer hat die Daten erzeugt? Data + generatedBy Process
Wer hat den formalen Inhalt kodiert? Data + encodes Forma
Wer hat den formalen Bestimmer hervorgebracht? Forma + originatedBy Nexus
Welche Evidenz stuetzt den Glauben? Epistemicum + supportedBy Nexus

Provenienz in MIN laeuft ueber drei komplementaere Mechanismen: - Data-Provenienz: generatedBy verfolgt, welcher Prozess die Daten erzeugt hat. - Forma-Provenienz: originatedBy verfolgt, welcher Nexus den formalen Bestimmer hervorgebracht hat. - Epistemische Provenienz: supportedBy / underminedBy verfolgt, welche Evidenz einen Glauben stuetzt oder schwaecht.


Achse 8: Temporalitaet — wann geschieht es?

Frage MIN-Konstrukt
Wann wurde es erfasst? hasTimestamp (Entity → xsd:dateTime)
Wann begann der Prozess? startedAt (Process → xsd:dateTime)
Wann endete der Prozess? endedAt (Process → xsd:dateTime)
Welche zeitliche Abfolge? Prozessketten ueber hasInput / hasOutput
Was hat was abgeloest? supersedes (Forma → Forma)

MIN bettet Temporalitaet implizit ein, statt ein separates Zeitmodell zu verwenden. Zeitstempel haengen direkt an Entitaeten und Prozessen. Zeitliche Ordnung ergibt sich aus Prozessketten: wenn Prozess B den Output von Prozess A nutzt, dann geht A B voraus. Epistemische Sukzession nutzt supersedes — wenn ein neues Epistemicum ein altes ersetzt, wird die zeitliche Dimension strukturell erfasst, nicht ueber explizite Zeitintervalle.

Was Alignment bereitstellt: - OWL-Time (alignment/min-time.ttl): min:Process rdfs:subClassOf time:ProperInterval — Prozesse koennen von OWL-Time-Reasonern als Zeitintervalle behandelt werden. - PROV-O (alignment/min-prov.ttl): min:startedAt rdfs:subPropertyOf prov:startedAtTime — Zeitstempel werden fuer PROV-O-Werkzeuge sichtbar.

Was in die Domainschicht gehoert: - Zeitreihendaten (Sensorwerte im Millisekundentakt) - Lebenszyklus-Phasenmodelle (Entwurf → Fertigung → Nutzung → Lebensende) - Kalender- und Terminierungsbeschraenkungen - Allen-Intervallrelationen (before, during, overlaps)


Zusammenfassung: acht Achsen

1. Materialitaet     Was existiert physisch?                → Nexus
2. Formalitaet        Was bestimmt, ohne zu wirken?          → Forma
3. Agency             Wer handelt?                           → Agent
4. Kausalitaet        Wie haengt es zusammen?                → Relationen
5. Epistemik          Was wissen wir, wie sicher?            → Epistemicum
6. Unsicherheit       Was wissen wir nicht?                  → Possibile + isQuantifiable
7. Provenienz         Woher stammt die Information?          → Data + originatedBy + supportedBy
8. Temporalitaet      Wann geschieht es?                     → hasTimestamp + startedAt/endedAt

Was MIN bewusst NICHT abdeckt

Thema Warum nicht Wo stattdessen
Wahrheit "X ist wahr" ist kein MIN-Konzept. Epistemicum sagt, was geglaubt wird, nicht was ist.
Bayesianische Propagation Konfidenz-Propagation ist ein Process, kein Axiom. Domainschicht
Zeitreihen Zeitliche Aufloesung gehoert in die Domainschicht. sdata-measurements
Physikalische Einheiten Einheitensysteme sind orthogonal zur ontologischen Struktur. QUDT-Alignment
Emotionen "Ich fuehle, dass das Bauteil versagt" ist nicht propositional.
Selbstbezueglichkeit "Ich glaube, dass ich glaube" ist in OWL nicht sauber modellierbar.